„Biegler ist ein Glücksgriff für den Frauenhandball!“

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Dago Leukefeld spricht über Liga und Nationalteam

Erfurt. Dago Leukefeld kennt den deutschen Frauenhandball wie kaum ein Zweiter. Der
gebürtige Thüringer ist seit rund 30 Jahren im Geschäft – und hat in dieser Zeit auf vielen
Ebenen Erfolg gehabt. Als Coach zeichnete er unter anderem für Erfurt, Blomberg, Trier, den
Thüringer HC und die Nationalmannschaft verantwortlich, mittlerweile ist er als Referent und
Berater tätig und betreibt seine eigene Handballschule. Die HANDBALLWOCHE hat mit
dem Fachmann über die aktuelle Situation im Frauenhandball und die Perspektiven des
Nationalteams vor der Weltmeisterschaft 2017 im eigenen Land gesprochen.
Herr Leukefeld, Sie sind seit Jahrzehnten im Handball-Geschäft tätig. Wie bewerten Sie
die Entwicklung bei den Frauen?
Dago Leukefeld: Ich trainiere momentan zwar keine Mannschaft, bin aber immer noch nah
dran und sehe die Entwicklung, bezogen auf das Nationalteam, mit Sorge. Frauenhandball ist
ein gutes regionales Produkt, das Interesse der großen Öffentlichkeit steht und fällt aber mit
einer erfolgreichen Nationalmannschaft. Nur so gibt es Fernsehzeiten, die derzeit eigentlich
überhaupt nicht vorhanden sind.
Was bedeutet das konkret?
Leukefeld: Bei der Heim-Weltmeisterschaft 2017 muss dringend etwas passieren. Dieses
Turnier ist quasi die letzte Chance für den Frauenhandball. Erreicht die Truppe da eine gute
Platzierung, kann sie aus dem Tal herauskommen. Klappt das nicht, können wir krass gesagt
den Deckel draufmachen. In die Vorbereitung dieses Turniers müssen nun Fachleute auf allen
Ebenen einbezogen werden – nicht nur Handballer, sondern auch Marketing- oder Social
Media-Experten. Durch den EM-Titel der Herren ist das handballerische Interesse wieder
größer geworden und mit Olympia, der WM 2017 der Frauen und der WM der Männer 2019 –
ebenfalls teilweise im eigenen Land – gibt es nun einen Zyklus, den wir für uns nutzen
müssen, um uns dauerhaft als Sportart Nummer zwei hinter dem Fußball zu positionieren.
Die Frauen-Nationalmannschaft ist seit Jahren nur noch Mittelmaß. Woran liegt das?
Leukefeld: Vorab möchte ich sagen: Ich bin ein ganz großer Fan dieser Nationalmannschaft.
Wir haben grundsätzlich riesiges Potenzial, zahlreiche starke Spielerinnen und unter anderem
mit Julia Behnke, Clara Woltering oder Shenia Minevskaja wieder mögliche
Aushängeschilder. In den vergangenen Jahren hat der DHB aber leider einige grundlegende
Fehler gemacht. Alles steht und fällt mit qualifizierten Trainern – und da muss eben Geld in
die Hand genommen werden, um den Trainer-Nachwuchs bestmöglich auszubilden. Ich habe
dem DHB in der individuellen Ausbildung von Spielerinnen meine Hilfe angeboten, sie ist
aber nicht angenommen worden. Dazu kommt, dass bei den Jugend- und Juniorinnen-
Nationalmannschaften der Team-Gedanke oft im Vordergrund steht. Das ist ehrenwert, bringt
auf lange Sicht allerdings nichts. Wen interessiert in diesen Bereichen schon ein Titel? Es
geht doch einzig und alleine darum, leistungsstarken Nachwuchs für die Bundesliga und die
A-Nationalmannschaft zu generieren. Deshalb muss man mehr Wert legen auf die
individuelle Ausbildung. Außerdem gab es zu wenig Unterstützung aus der Bundesliga. Ich
glaube aber, dass sich hier mit der zunehmenden Professionalisierung auch etwas tun kann.
Zuletzt musste Bundestrainer Jakob Vestergaard seinen Hut nehmen. Was sagen Sie zu
Nachfolger Michael Biegler?
Leukefeld: Michael Biegler ist ein Handball-Fachmann – und damit ein absoluter Glücksgriff.
Ich bin froh, dass der DHB den Mut hat, einen solchen Weg zu gehen, denn aus dem
Frauenhandball selbst gab es für mich nur eine logische Option: Dirk Leun. Jetzt hat man über
den Tellerrand hinausgeschaut und einen Trainer verpflichtet, der in der Vergangenheit an
vielen Stationen bewiesen hat, dass er Ahnung hat. Das ist letztendlich entscheidend und
nicht, ob jemand bislang Männer- oder Frauen-Teams gecoacht hat. Das Spielfeld ist
identisch groß und der Ball muss ins Tor – und um nichts anderes geht es. Natürlich gibt es
Unterschiede in den Bereichen Psychologie und Ansprache, aber Biegler bekommt das
garantiert hin. Positiv finde ich auch, dass er sein Wissen beispielsweise regelmäßig
weitergibt und im Magazin Handballtraining veröffentlicht. Da gibt es ansonsten nicht allzu
viele andere Trainer, die das tun.
Unabhängig vom Nationalteam ist die Bundesliga in dieser Saison spannend wie nie.
Freut Sie diese Tatsache?
Leukefeld: Das freut mich sehr. Im Süden sind mit herausragenden wirtschaftlichen
Voraussetzungen und viel Know-how in Metzingen und Bietigheim zwei ganz starke Teams
entstanden. Dazu kommen der Thüringer HC und Leipzig, die ja schon seit Jahren Titel-
Anwärter sind beziehungsweise Meisterschaften gewonnen haben. Und auch bei Borussia
Dortmund tut sich etwas. Insgesamt ist momentan viel Bewegung drin und das ist richtig gut
für unseren Sport.
Sie sind ein Experte für die handballerische Ausbildung von Kindern und Jugendlichen.
Muss hier nicht bundesweit mehr getan werden?
Leukefeld: Wirkliche Zentren im weiblichen Nachwuchs-Bereich gibt es eigentlich nur in
Blomberg und Buxtehude. Beide verfügen über starke Teams in erster und dritter Liga und
spielen bei der A- und B-Jugend regelmäßig um Titel mit. An beiden Orten hat man
verstanden, dass für die Spielerinnen auch eine schulische oder berufliche Ausbildung für das
Leben neben dem Handball wichtig ist. Den Beruf Handballer gibt es nämlich, den der
Handballerin eigentlich nicht. Ganz elementar ist vor allem, dass die Kinder und Jugendlichen
qualifiziert betreut und trainiert werden. Das geht nur, wenn die Vereine eine Trainer-
Offensive starten und so dafür sorgen, dass ihre Coaches bestmöglich ausgebildet sind. Nur
wenn ich den Kindern Spaß vermittele, kann ich sie dauerhaft halten. Für dieses altersgerechte
Entwicklungs- und Perspektivtraining bedarf es einer fundierten Ausbildung.
Seit 2012 betreiben sie unter dem Namen Leukefeld Handball eine Handballschule und
bieten unter anderem Trainingscamps an. Wie kam es dazu und was müssen wir uns
darunter genau vorstellen?
Leukefeld: Die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen hat mir schon immer sehr viel Spaß
gemacht. Entscheidend sind hier vor allem drei Faktoren: laufen, springen, werfen. Darauf
kann man aufbauen. Die Camps dauern dann oft zwei, drei Tage und sind für die ganze
Jugendabteilung eines Vereins, inklusive Trainer, möglich. Ich fahre aber auch mit ins
Trainingslager, bringe eigene Trainer mit und möchte meine Erfahrung so weitergeben.
Können Sie sich auch eine Rückkehr ins tägliche Trainer-Geschäft vorstellen?
Leukefeld: Ich schließe das nicht aus, berate zur Zeit den BSV Sachsen Zwickau im Jugend-
Bereich, bin aber froh, nicht immer an Ergebnissen und Tabellenständen gemessen zu werden.
Zudem genieße ich es nach 30 Jahren als Trainer auch, beispielsweise Zeit für Golf zu
besitzen und habe mir dort einen weiteren, handballunabhängigen Freundeskreis aufgebaut.
Rouven Theiß

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