Frauen-Handball „Entwicklung im Süden ist sensationell“

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Frauen-Handball „Entwicklung im Süden ist sensationell“

Von Jürgen Frey 08. März 2016 – 10:00 Uhr

Dynamisch, entschlossen, spielstark: Anna Loerper (re.) vom Bundesliga-Spitzenreiter TuS Metzingen kommt auch in der Nationalmannschaft eine Schlüsselrolle zuFoto: dpa

Deutschlands Handballerinnen sollen nach dem Vorbild der Männer gefördert werden. „Bei der WM 2017 steht die Existenz der Branche auf dem Spiel“, sagt Ex-Bundestrainer Dago Leukefeld vor dem EM-Qualifikationsspiel an diesem Mittwoch (19.30 Uhr) im Bietigheim gegen Frankreich.

Stuttgart – Herr Leukefeld, werden Sie am Mittwoch in Ihrer alten Heimat vorbeischauen können?

Das hätte ich sehr gerne getan, zumal ich aus meiner Zeit als Trainer in Bietigheim und Stuttgart viele bekannte Gesichter treffen würde. Aber derzeit nehmen mich europaweite Handball-Camps zeitlich in Beschlag.

Sie haben die Bietigheimer Handballerinnen 2013 zum Bundesliga-Aufstieg geführt. Jetzt spielt die SG BBM um die deutsche Meisterschaft. Wie überrascht sind Sie?

Nicht allzu sehr. Mein dänischer Kollege Martin Albertsen hat da schon eine kleine Weltauswahl zusammen. Ob dies der richtige Weg ist, darüber mag man streiten. Doch insgesamt ist die Leistungsentwicklung im Süden sensationell, zumal mit der Neckarsulmer Sport-Union und dem TV Nellingen zwei weitere Teams vor dem Aufstieg stehen.

Woran liegt das?

An der gestiegenen Professionalität. Die Grundlage dafür schafft in Bietigheim die Finanzkraft von Olymp und seinem Chef Eberhard Bezner, der ein Riesenherz für den Frauenhandball hat. Es wird von einem Zwei-Millionen-Euro-Etat gemunkelt.

Die TuS Metzingen steht sogar an der Bundesliga-Tabellenspitze.

Und im Halbfinale des EHF-Pokals. Wirklich klasse, wie zielgerichtet Manager Ferenc Rott und seine Mitstreiter dort arbeiten. Auch bei den TusSies spielt die Unterstützung eines Unternehmens wie Boss eine wichtige Rolle. Mit Bietigheim und Metzingen ist ein starker Gegenpol zu den Topclubs HC Leipzig und Thüringer HC im Osten entstanden. Das tut der Sportart richtig gut.

Fehlt nur noch eine starke Nationalmannschaft als attraktives Zugpferd.

Das ist das Kernproblem. Ich hoffe sehr, dass der EM-Triumph der Männer auf alle Bereiche ausstrahlt – auch auf die Frauen. 2017 haben wir die WM im eigenen Land. Da steht die Existenz der Branche auf dem Spiel. Das ist die letzte Chance. Wenn wir dieses Event nicht nutzen, dann droht dem deutschen Frauenhandball der Absturz in die Bedeutungslosigkeit, dann geht es den Bach runter.

Wie sehen Sie die Aussichten, bis dahin eine schlagkräftige Nationalmannschaft beisammenzuhaben?

Wir haben Olympia 2012 und 2016 verpasst, bei den vergangenen WM landeten wir auf dem 13. Platz. Das ist die enttäuschende Ausgangsbasis. Aber wir haben ein wahnsinniges Potenzial an guten Spielerinnen. Es ist so gut wie noch nie.

Warum wird es nicht genutzt?

Zum einen hat Bundestrainer Jakob Vestergaard bisher nicht überzeugt, dies ist eine rationale Feststellung. Er muss Ergebnisse liefern. Die Mannschaft unterliegt bizarren Schwankungen. Obwohl wir physisch unglaublich starke, große Spielerinnen haben, sind wir Teams wie Norwegen spieltaktisch und athletisch hoffnungslos unterlegen.

Liegt das an der Ausbildung?

Auch. Das große Geld gibt es eben bei den Männern zu verdienen. Wir haben zu wenig gute Trainer im weiblichen Bereich. Es fehlt an Qualität. Wir benötigen dringend eine Offensive in Sachen Aus- und Weiterbildung von Trainern im Frauen-Bereich. Es fehlt an klaren Richtlinien und Stringenz in der ­Förderung.

Ist die vor kurzem eingeführte Eliteförderung ein erster Schritt?

Mit Blick auf die WM 2017 kommt dies recht spät. Aber besser spät als nie.

Ist die Frauen-Nationalmannschaft für DHB-Leistungssport-Chef Bob Hanning nur lästige Pflicht?

Es wird sich zeigen, wie viel Geld, Raum und Inhalt der DHB im Hinblick auf die WM 2017 investiert. Es müssen Lehrgangstage freigeschaufelt werden und mit der Bundesliga verhandelt werden. Die Liga muss dieser brutal wichtigen WM im eigenen Land alles unterordnen. Aber glauben Sie mir: Das wissen die Vereinsvertreter.

Was macht Sie da so sicher?

Obwohl es ein hochattraktiver Sport ist, findet Frauen-Handball medial doch praktisch gar nicht statt. Daran kann einzig und allein die Nationalmannschaft etwas ändern – bei der WM im eigenen Land.

Warum ist das in Norwegen grundlegend ­anders?

Das liegt am Stellenwert der Frau sowohl in der Gesellschaft als auch im Sport in Skandinavien. Dort genießen zum Beispiel Ski-Langläuferinnen Heldenstatus. Davon sind wir Lichtjahre entfernt.

Zum Schluss Ihre Tipps: Wer wird deutscher Meister und EHF-Cup-Sieger, und wo landet Deutschland bei der WM 2017?

So sehr ich es den Teams im Süden gönnen würde, Meister wird der Thüringer HC, den EHF-Pokal-Sieg gönne ich der TuS Metzingen von ganzem Herzen, und bei der WM kommen wir mindestens ins Halbfinale.

So läuft die EM-Qualifikation

Deutschland und Frankreich, die im Oktober ihre Spiele gegen die Schweiz und Island gewonnen haben, führen die EM-Qualifikation-Gruppe 7 mit 4:0 Punkten an. Die direkten Vergleiche in Bietigheim an diesem Mittwoch (19.30 Uhr in der Ege-Trans-Arena, Tickets unter dhb.de/tickets) und am Samstag (20 Uhr) in Nîmes haben vorentscheidenden Charakter. Für die vom 4. bis zum 18. Dezember in Schweden stattfindende EM qualifizieren sich die besten beiden Teams der sieben Gruppen sowie der beste Gruppendritte. Die Qualifikation endet mit den Rückspielen gegen die Schweiz in St. Gallen (1. Juni) und zu Hause gegen Island (4./5. Juni).

 

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