Thüringer Allgemeine

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“Da fiel einigen die Kinnlade runter”

Axel Lukacsek, Thüringer Allgemeine, 24. Juni 2020

Vor 30 Jahren: Wie Dago Leukefeld die Erfurter Handball-Frauen in die Oberliga führte

Erfurt Eigentlich kam es ihm als Handball-Trainer nie in den Sinn, jemals eine seiner Mannschaften während des Spiels auszubremsen. In der Euphorie der deutschen Einheit aber musste Dago Leukefeld auch schon mal einen Gang zurückschalten. Die TSG Dittershausen vor den Toren von Kassel hatte im Wendetrubel vor 30 Jahren die Handball-Frauen der BSG Umformtechnik Erfurt eingeladen. Der damals gerade mal 26 Jahre alte, aber längst erfahrene Trainer nahm zum Gastspiel in der Bundesrepublik seine Juniorinnen mit. Schon beim Kennenlernen zwischen Ost und West gab es so einige Überraschungen.
“Beim gemeinsamen Mittagessen wurde ich von unseren Gastgebern gefragt, wie oft wir trainieren. Fünfmal pro Woche, habe ich geantwortet. Da fiel bei einigen die Kinnlade runter”, erinnert sich Leukefeld, der zum abendlichen Freundschaftsduell vor 600 Zuschauern beim Stande von 40:5 seine jungen Spielerinnen anwies, sie mögen doch bitte das Tempo drosseln.
In der DDR galt zumindest im Sport längst das Leistungsprinzip. Auch UT Erfurt hatte es geschafft, selbst ohne Rückhalt durch einen Sportclub oder die Zusammenarbeit mit der damaligen Kinder- und Jugendsportschule (KJS) dem Frauen-Handball einen gewissen Stellenwert zu verschaffen. Leukefeld, der 1986 die erste Mannschaft des Vereins übernommen hatte, startete im September 1989 mit seinen Frauen in der DDR-Liga in eine Saison, die als Staffelsieger die Rückkehr in die Oberliga bringen sollte. Aber als vor genau 30 Jahren der sportliche Triumph tatsächlich gelungen war, stand angesichts der Wende-Turbulenzen plötzlich alles wieder in den Sternen.
Das Trainingszentrum unter solch erfahrenen Übungsleitern wie Roman Knabe bürgte seit jeher für Qualität und brachte unter anderem Spielerinnen wie Sybille Gruner hervor, die 1993 mit Deutschland den WM-Titel eroberten. Leukefeld bat schon damals täglich zum Training und schob für die beim VEB Umformtechnik angestellten Handballerinnen sogar noch eine weitere Einheit gleich um sieben Uhr in der Sporthalle von Dachwig ein. “In einer Gaststätte haben wir gefrühstückt, dann sind alle erst einmal an die Arbeit”, erzählt der Trainer.

Mit 200.000 Mark in die Bundesliga
Mit 34:6 Punkten war im April 1990 die Rückkehr in die Oberliga perfekt. Aber nur ein paar Tage später begann das einst mächtige Umformtechnik-Kombinat, sich aufzulösen. Die Handball-Frauen fanden im neu gegründeten TSV Erfurt eine Heimstatt und qualifizierten sich als Tabellenzehnter ein Jahr später für die damals zweigleisige Bundesliga. Für das Abenteuer standen der kompletten Handball-Abteilung 200.000 Mark zur Verfügung. Allerdings trieben die Hürden der neuen Zeit damals teils skurrile Blüten. “Zwei Spielerinnen hatten in Kassel eine neue Arbeit gefunden. Da bin ich einmal die Woche dorthin gefahren und habe mit ihnen sozusagen ein Privattraining absolviert”, sagt Leukefeld.
In seiner ersten Mannschaft spielten plötzlich drei 17-jährige Talente. Erfahrene Spielerinnen wechselten in den Westen und hörten ganz auf, weil plötzlich nicht mehr der Handball, sondern die berufliche Zukunft in einer neuen Welt die oberste Priorität besaß. “Die Zeit damals war sehr schwierig”, sagt der spätere Bundestrainer beim Blick zurück.
Sie brachte aber auch positive Entwicklungen, von denen die Sportart in Thüringen bis heute profitiert. Mit dem Fall der Mauer nämlich durften auch Handball-Talente die ins Sportgymnasium überführte KJS besuchen. Oder es entstanden Freundschaften. Als der TSV Erfurt am 14. September 1991 das erste Bundesliga-Duell gegen Grün-Weiß Frankfurt mit 15:23 verlor, wollte der Gegner und deren Trainer Wolfgang Schwarz gar nicht nach Hause fahren – und man verabredete sich im Clubraum der Halle in der Mittelhäuser Straße mit der Erfurter Mannschaft zur feucht-fröhlichen dritten Halbzeit. “Da haben wir die Sau rausgelassen”, sagt der heute 56-Jährige schmunzelnd.

1993 ABM-Stelle ausgelaufen
Einst war Leukefeld bei der BSG UT Erfurt als Cheftrainer fest angestellt. Als die Wende-Euphorie jedoch verblasste, lief 1993 sein als ABM-Stelle deklarierter Trainerposten aus. “Ich habe trotz aller Schwierigkeiten damals sehr viel für das Leben gelernt”, sagt Leukefeld, der heute Handball-Camps für den Nachwuchs organisiert.
Damals aber wechselte er zunächst in den Westen, trainierte die Bundesligisten Blomberg-Lippe, wurde mit Trier sogar deutscher Meister. Dann schloss sich der Kreis. Er kehrte in seine Heimat zurück und vollendete, was vor 30 Jahren seinen Anfang nahm. Er führte 2005 den fünf Jahre zuvor gegründeten Thüringer HC zurück in die Handball-Bundesliga – und legte damit den Grundstein für die Erfolge des späteren Serienmeisters.

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