Über die Lage in Sindelfingen: Dreierinterview mit Leukefeld, Baumbach und Meier

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Es war eine Nachricht, die lautstark einschlug. Wenige Tage vor dem Saisonbeginn hat die Handball Sport Marketing GmbH (HSM) der SG Kickers-Sindelfingen die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens beantragt. Kurz vor dem ersten Spiel droht der Frauenbundesliga so der Verlust eines Teams. Christopher Monz sprach für handball-world.com mit Trainer und Sportmanager Dago Leukefeld, sowie den früheren Nationalspielerinnen Maren Baumbach und Silke Meier über die Folgen des Insolvenzantrages, die aus ihrer Sicht Verantwortlichen, die Situation vor Ort und die persönliche Zukunft.

Mit ein wenig Abstand zu den Ereignissen der letzten Tage, wie ist die Gefühlslage?

Silke Meier:
So viel Abstand hatten wir noch gar nicht. Der erste Schock hat sich gelegt, man versucht das irgendwie zu verarbeiten.

Maren Baumbach:
Ich stehe immer noch unter Schock.


Dago Leukefeld:

Es ist einfach nur deprimierend. Ich muss mir eingestehen, dass der ganze Kampf den ich geführt habe, ob als Einzelkämpfer oder im Team mit Jürgen Hollenbach (Anm. d. Red.: Präsident HV Stuttgarter Kickers) umsonst war.

Wann haben Sie vom Insolvenzantrag erfahren?

Dago Leukefeld:
Von den Schwierigkeiten hat man uns vor einer Woche informiert, am Dienstagabend um 19 Uhr hat man uns dann gesagt dass es nicht weiter geht.

Maren Baumbach:
Jürgen Hollenbach hat uns alle informiert.

Silke Meier:
Die Mannschaft und alle Verantwortlichen waren dabei.

Wie war die erste Reaktion?

Wir waren geschockt, es war eine Mischung aus Wut und Traurigkeit. Es sind viele Tränen geflossen.

Silke Meier:
Niemand konnte eigentlich was sagen. Es tut mir leid für die Leute, die bis zuletzt gekämpft haben. Mit einem Schlag sind nun vierzehn Existenzen bedroht.

Dago Leukefeld:
Das war der schlimmste Tag in meiner Trainerkarriere. Wenn man seinen Spielerinnen gegenübersteht und einfach nur hilflos ist. Ich bin eigentlich niemand der nahe am Wasser gebaut ist, aber das hat mich schon sehr mitgenommen.

Wie überraschend kam die Insolvenz für Sie persönlich?

Maren Baumbach:
Für mich kam sie total überraschend. Die Dinge, die uns jetzt das Genick gebrochen haben sind Altlasten, davon hatte ich ja keine Ahnung. Das Spielerinnen nicht bei der Berufsgenossenschaft angemeldet waren, wusste ich nicht. Uns wurde zugesichert der Etat für die kommende Saison steht.

Silke Meier:
Nach den Problemen im November hatten wir gedacht, wir haben es überstanden. Dass dann so etwas passiert, damit konnte niemand rechnen.

Dago Leukefeld:
Es war ein riesen Schock. Als Jürgen Hollenbach angetreten ist, hatte er gedacht, man hätte ihm alles vorgelegt. Wir waren auf dem richtigen Weg, wir hatten sehr gute Signale aus Stuttgart, hatten eine tolle neue Halle und haben uns auf die neue Saison gefreut.

Wie geht es nun weiter?

Maren Baumbach:
Ich glaube es geht gar nicht weiter. Für viele Spielerinnen steht die Existenz auf dem Spiel. Die Mädels wissen teilweise nicht, wie sie nächsten Monat ihre Wohnung bezahlen oder sich Lebensmittel kaufen sollen.

Silke Meier:
Es ist eigentlich unfassbar, das nun Leute die nichts dafür können auf der Straße stehen.

Dago Leukefeld:
Wir müssen jetzt sehen, dass wir denen, die dringend Hilfe brauchen, umgehend helfen.

Es bleibt die Frage nach dem oder den Schuldigen…

Silke Meier:
Es ist glaube ich klar, wer der Schuldige ist. Ich würde nicht mehr an unser Rechtssystem in Deutschland glauben, wenn der Verantwortliche nicht bestraft wird.

Maren Baumbach:
Der Wunsch der Mannschaft ist, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden – auch wenn sie teilweise gar nicht mehr im Verein tätigt sind.

Dago Leukefeld:
Das ist auch mein Wunsch. Es ist nicht mit offenen Karten gespielt worden.

Die Anspielungen gehen in Richtung des ehemaligen Geschäftsführers der HSM, Jens Bermanseder, oder?

Maren Baumbach:
Ja, genau. Hier hat jemand scheinbar hochgradig kriminell gehandelt.

Silke Meier:
Hier hat jemand durch sein Handeln Existenzen zerstört.

Dago Leukefeld:
Schon seit Monaten wird gegen ihn polizeilich wegen des Verdachts auf Sozialversicherungsbetrug ermittelt. Dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen.

Der Ligaverband hatte die Vereinsverantwortlichen bereits frühzeitig auf die Unregelmäßigkeiten im Verein hingewiesen…

Dago Leukefeld:
Das ist richtig. Mir liegt eine e-mail aus dem Jahr 2009 an den Gesamtverein vor, wo von Seites des HBF-Vorsitzenden Berndt Dugall darüber informiert wird. Ich habe am Montag das erste Mal davon gehört. Der Gesamtverein, mit seinem Geschäftsführer Roland Medinger, der die Mehrheit an der GmbH hält, ist seiner Aufsichtspflicht nicht nachgekommen. Als ich hier im Jahr 2010 schon um das Überleben gekämpft habe, hätte man mir das sagen müssen. Das macht einen wütend und sprachlos.

Maren Baumbach:
Da fällt dir die Kinnlade runter, wenn du das jetzt am Ende hörst. Da sitzen Leute im Hauptverein, die mit verschlossenen Augen in Kauf nehmen, wie hier Existenzen an die Wand gefahren werden. Wie hier mit Menschen umgegangen wird, das kann man sich nicht vorstellen.

Sehen Sie denn noch eine Chance auf Frauenhandball in der kommenden Saison in der Stuttgarter SCHARRena?

Dago Leukefeld:
Nein, wenn bei uns 300.000 Euro fehlen, muss man einfach so realistisch sein und sagen, dass eine solche Summe im Frauenhandball nicht zu stemmen ist.

Maren Baumbach:
Das ist ein Fass ohne Boden, da kommen tausend Dinge auf einen zu. Jeden Tag platzt irgendwo die nächste Bombe. Und, ganz ehrlich: Die Spielerinnen haben jetzt auch andere Sachen im Kopf als Handball. Da stehen Leute auf der Straße, die haben teilweise ihren Job aufgegeben, wollten hier in Stuttgart etwas aufbauen und stehen nun vor dem Nichts.

Silke Meier:
Für die meisten Spielerinnen geht es darum, irgendwie noch einen Verein zu finden. An eine spielfähige Mannschaft der SG HV Stuttgarter Kickers / VfL Sindelfingen kann einfach niemand mehr glauben.

Die Saison steht kurz bevor, die Vereine haben ihre Personalplanungen abgeschlossen. Es dürfte für jede Spielerin schwierig werden so kurzfristig einen neuen Verein zu finden…

Maren Baumbach:
Ich kann nur sagen: Respekt vor der Mannschaft, wie sie sich die letzten Tage verhalten hat. Wir sind wirklich zusammen gewachsen und jetzt will jede dem anderen helfen. Wir sind alle gefordert.

Dago Leukefeld:
Wir werden alles versuchen um den Spielerinnen zu helfen.

Es haben schon Mannschaften unter Insolvenz gespielt…

Dago Leukefeld:
Mir war wichtig, dass wir kein zweites Nürnberg werden. Ich kenne die Summe nicht, die damals in Nürnberg fehlte, aber mit geschätzten 300.000 Euro bei uns, das kann man einfach nicht stemmen.

Maren Baumbach:
Ich glaube, man kann die Situation auch nicht mit Nürnberg vergleichen. Denen ist gegen Ende der Saison das Geld – warum auch immer – ausgegangen. Die standen aber auf Platz 1, hatten ein Ziel vor Augen. Bei uns jetzt, das ist doch der schlimmste Zeitpunkt überhaupt. Es wird keine spielfähige Mannschaft geben.

Wie geht es für sie persönlich weiter?

Maren Baumbach:
Ich beende meine Karriere. Ich bin jetzt 30 Jahre alt, ich werde keinen Leistungssport mehr betreiben. Das tut zwar sehr weh, denn es war ein Traum gewesen gegen Ende meine Karriere noch mal in der Heimat zu spielen. Ich muss wirklich aufpassen, dass ich den Glauben an das Gute in unserer Sportart nicht verliere. Ein bisschen mehr Ehrlichkeit würde, glaube ich, der gesamten Liga gut tun. Zum Glück habe ich durch mein Referendariat einen Job, der mir Spaß macht. Zudem bin ich in der Region verwurzelt, mich trifft es nicht ganz so hart wie Spielerinnen, die teilweise aus dem Ausland gekommen sind und nun nicht wissen wie es weiter geht.

Silke Meier:
Ich habe zum Glück einen Job und arbeite Vollzeit. Ich wollte meine letzte Saison spielen, hatte mich gefreut in den Hallen der Liga nach elf Jahren als Spielerin Abschied zu nehmen. Ich kann mir momentan auch nicht mehr vorstellen weiter Handball zu spielen. Für die nächste Zeit kommt das nicht in Frage.

Dago Leukefeld:
Ich habe abgeschlossen mit dem Thema. In erster Linie versuche ich nun den Spielerinnen zu helfen. Danach muss ich auch mir selbst helfen. Es gibt bereits ein paar lose Kontakte aus dem Ausland. Ich kann mir auch vorstellen im Männerbereich zu arbeiten, das kann auch in der Jugend sein. Auch für eine Rückkehr zum DHB wäre ich offen, ich glaube auch hier ist im Jugendbereich ein großer Bedarf an qualifizierten Trainern vorhanden.

Vielen Dank für das Gespräch und Alles Gute für die Zukunft.

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